Die Busfahrt nach Varanasi stellte sich abermals als kleines Abenteuer dar. Kurz vor der einstündig verspäteten Abfahrt in Katmandu erlebte ich auch mein erstes kleines Erdbeben. Ein kurzer vertikaler Tremor, der dazu führte, daß alle Einheimischen schreiend ihre Häuser in der Nähe der Busstation verließen und sämtlich Autos und Motorräder, welche an der Straße parkten, kurzerhand mittig auf die Straße gefahren wurden.

Der Bus, ein großer Volvo ohne WC aber mit Airkondition brachte uns dann über buckelige Pisten Richtung Grenze. Mitten in der Nacht gegen zwei Uhr mussten wir dort vier Stunden warten, bis die ind./nepal. Grenzposten öffnete. Überall finster ausschauende Gestalten, die im Zwielicht Geschäfte tätigen. Danach ging es zusammen mit anderen Reisenden zu Fuß erst zu nepalesischen Grenzbeamten, um die Ausreise im Pass zu bestätigen, danach ca. 200 Meter weiter zu den indischen Beamten, die dann wiederum nach Visakontrolle die erneute Einreise einstempelten.

Weder in Indien änderten sich auch umgehend die Ausblicke aus den verdreckten Fenstern des Busses. Mehr sichtbare Armut an den Strassenrändern, mehr Müll und Dreck als zuvor in Nepal. Nach ca. 7h weiterer Fahrt und insgesamt 15h Reise erreichten wir den Busbahnhof in Varanasi. Sofort begannen Rikschafahrer, sich um den neuen Gast zu streiten. Ich pickte mir einen relativ jungen Fahrer heraus und ließ mich Richtung Marnikanika Ghat fahren, da ich ein Guesthouse 50m Luftlinie davon gebucht hatte. Irgendwann ging es aufgrund der Enge der Gassen dann nicht mehr weiter mit der Rikscha und ich schlug mich mit Navigation auf dem Smartphone zu Fuß durch ein Labyrinth aus Gassen, in denen sich Kühe, Hunde, Motorräder und Menschen den Platz streitig machten. anfangs noch Händler überall wurde es irgendwann leerer und dreckiger und ich zweifelte, ob dies der richtige Weg sei. Nach einigen Irrungen kam ich dann im. Sankharta Guesthouse an. Nettes Personal empfing mich, war etwas irritiert, da ich erst Stunden zuvor via App noch im Bus die Unterkunft hatte und sie anscheinend nichts davon wussten. Jedoch konnten sie mir zwei Zimmer zu Wahl anbieten. Nachdem ich abgelegt und mir den Reisedreck abgeduscht hatte, genoss ich am frühen Abend den Ausblick vom Rooftop auf die Dächer Varanasis. Einen Steinwurf entfernt vom heiligen Ganges, an zwei Ecken konnte man bereits das Wasser sehen.

Das Marnikanika Ghat ist eines der beiden berühmten Ghats (Treppen hinab zum Ganges), an dem jeden Tag bis zu 250 Verstorbene verbrannt werden. Die Prozessionen mit den in goldene Folien gehüllten Leichen zogen im 10 Minuten Takt an meinem Guesthouse vorbei. Die Angehörigen (übrigens nur Männer, da "Frauen zu laut sind und zu viel heulen würden) bringen die Verstorbenen erst aan das Wasser und tauchen sie einmal komplett unter, danach reihen sie sich in eine Warteschlange, um den Verbrennungsprozess durchführen zu können. Während der Wartezeit wird den Söhnen, die die Verbrennung einleiten, der Kopf geschoren, sie müssen sich im Ganges waschen und werden danach in weiße Saaries gehüllt. Etwas oberhalb des Ghats brennt auf einem Podest das heilige Feuer Shivas. Von dort erhält der Sohn später ein wenig Glut, um das Feuer entzünden zu können. Rings um das Ghat lagern Unmengen von Holz in unterschiedlichen Qualitätskategorien. Die besser betuchten Inder können es sich leisten die oberen Verbrennungsstätten der Treppe zu nutzen und dort wird meist Zedernholz, das gut riecht, genutzt. Die ärmeren Familien bekommen das billigere Holz und nutzen die unteren Plätze direkt am Wasser. Man benötigt ca. 70kg Holz und 3h, um einen Leichnam zu verbrennen. Nachdem die Angehörigen den Prozess angeschoben haben übernehmen dort tätige Arbeiter aus den untersten Kasten den Rest des Vorgangs. Die Angehörigen gehen zum Nachbar Ghat und werden dort mit Essen und Wasser versorgt.

Es ist schwierig die Stimmung zu beschreiben, die einen dort umgibt. Ein permanenter "Barbecue" Duft in der Luft, gemischt mit Weihrauch und anderen Beigaben, der Geruch der Kühe, die dort zwischen den Feuerstellen zusammen mit Dutzenden Hunden leben. Kinder die im Dreck und der Asche der Toten spielen, nebenan Kioskbesitzer, die Essen und Getränke verkaufen, Babas und Sadus, die heiligen Männer, die ihr Leben an diesem Platz betend verbringen, diese Fröhlichkeit inmitten eigentlich trauernder Menschen..

Noch nie in meinem Leben habe ich dieses Beieinander von Leben und Tod so intensiv erlebt. Und trotzdem muss ich sagen, daß mich nach einer anfänglichen Bestürztheit, dann doch die Leichtigkeit des Umgangs der Inder mit diesem allgegenwärtigen Thema vereinnahmte. Die Selbstverständlichkeit des Todes und die geringe Angst davor unterscheidet die asiatische Kultur dann doch wesentlich von unserer christlich geprägten Abendländischen. Die eigene Vergänglichkeit ständig vor Augen führt dazu, die Zeit, die einem bleibt so intensiv zu nutzen, wie möglich. Während wir in unserem westlich geprägten Kulturkreis dies immer mehr verdrängen, versuchen vor uns her zu schieben, als ob es kein Ende gibt. Und durch Arbeit und ständigen Stress vergessen zu leben. Man muss nicht gläubig sein, irgendwelche Götter verehren, beten oder sonst etwas, um in dieser Stadt vor Augen gehalten zu bekommen, daß nur der Tod an unserer Seite uns ermöglicht, dem Leben allein die guten Seiten abzugewinnen und alles Schlechte lachend abzuwinken. Ich besuchte in den letzten Wochen viele Tempel und heilige Orte, aber die wirkliche "Erkenntnis" kam mir erst nach stundenlanger Beobachtung der Zeremonien in Varanasi. Ob ich nun geläutert zurück komme und mich all dem Stress in Zukunft dauerhaft entziehen kann, wage ich zu bezweifeln, doch für den Moment fühlt es sich gut und richtig an.

Aus Respekt vor den Angehörigen und Verstorbenen gibt es nur wenig Bilder vom Ghat und den Verbrennungen. Ich lernte im Hotel zwei Engländer mit panjabischen Wurzeln kennen, mit denen ich mir früh morgens ein Boot teilte und wir genossen den unglaublichen Sonnenaufgang über dem Ganges, während sich am Ufer die Einheimischen und viele gläubige Pilger im brackigen Wasser wuschen. In den drei Tagen erlebte ich Feste mit bunten Prozessionen, Tanz und Gesang an den Ghats. Wenn hunderte Menschen gleichzeitig beten und singen.. Ohne Worte. Wobei die indische volkstümliche Musik, speziell der Gesang, mir dann doch irgendwann "blutende Ohren" verursachte.

Drei bis vier Tage genügen eigentlich, um die Eigenartigkeit dieses Ortes in sich aufzunehmen. Bleibt man länger, wird einem irgendwann das Geschäftsmodell bewusst, welches auch an diesem heiligen Ort von den Indern betrieben wird, um die touristische Anziehungskraft so gut wie möglich auszunutzen. Als Europäer bist du nun mal der reiche Mann, dem das Geld locker sitzt. Sei es der Masseur, der ungefragt im Gedränge deine Hand nimmt, dir eine 5 minütige Arm und Nackenmassage gibt, der du nicht entweichen kannst und danach 200 Rupien verlangt, oder der "junge Guide", der dir zu verstehen gibt, daß der geforderte Respekt bei Fotos am Ghat dann doch mit einer Zahlung von 50€ umgangen werden kann..

Daher empfehle ich, sobald Zweifel an diesem heiligen Ort aufkommen, ihn umgehend zu verlassen, um die Erinnerung nicht zu zerstören, was ich dann auch nach drei Tagen tat und mich in den nächsten Sleepertrain Richtung Nordosten legte. Nächstes Ziel Rishikesh.

Mehr dann demnächst

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